Über ärgerliches Warten auf den Termin und dann beim Arzt

Gesetzlich Krankenversicherte warten sechs Tage länger auf einen Arzttermin als Privatversicherte. Sie müssen sich durchschnittlich zwanzig Tage gedulden. Wovon wohl jeder von uns auf Grund von Eindrücken und Erfahrungen ausgeht, das hat der BKK Bundesverband über eine repräsentative Befragung numerisch bestätigt bekommen. Das (doch befremdliche) Ergebnis sei eine leichte Verbesserung gegenüber dem Jahr 2008 (mit 21 Tagen Wartezeit für gesetzlich Krankenversicherte).

Worauf man – nach dem Urteil vieler – zu lange warten muss, ist – ebenfalls nach Einschätzung einer Mehrheit – dann viel zu rasch abgetan: das sogenannte Patientengespräch.

Kritik üben da fast durchweg die von den „Gesetzlichen“. Die „Berliner Zeitung“ (3./4.9.) titelte jetzt.
„Weil Ärzte sich lange mit Privatpatienten befassen, kommen alle anderen zu kurz.“

Das ist freilich inzwischen schon eine althergebrachte Schwäche unseres Gesundheitswesens, das halt eine Zwei- (oder Mehr-) Klassenmedizin praktiziert. Wobei sich diese Seite mit dem zunehmenden (und vom System geförderten) Geschäftssinn der Mediziner weiter ausprägt.

Schon 2007 hatte die „Patientenbeauftragte“ der Bundesregierung Helga Kühn-Mengel (SPD) diese Ungleichbehandlung als „nicht akzeptabel“ kritisiert, aber laut BKK-Bundesverband hat sich ja die Situation statistisch zugunsten der gesetzlichen Versicherten gebessert (s.o.).

Zusätzlich wurde der Zeitungsleser durch die AOK-Mitteilung (!) verwirrt, dass jeder zehnte Patient glaubt, beim Arzt auch „unnötige“  Behandlungen zu erfahren, dabei nicht in Behandlungsentscheidungen einbezogen, über Alternativen informiert zu werden.
Das vereinbart sich irgendwie mit  dem folgenden Tatbestand:
„Wir haben in überversorgten Gebieten 25.000 niedergelassene Ärzte zuviel“, verlautete bei Jahresbeginn aus der Kassenärztlichen Vereinigung.
Andererseits lesen und hören wir alle paar Tage von Deutschlands Ärztemangel.

Tatsächliche Unterversorgung korrespondiert mit „Überversorgung“ anderswo. Was sich durchaus lokalisieren lässt. Es sind ländliche Weiten des Ostens,.aber auch dicht besiedelte arme Stadtviertel von Großstädten, die mangelhaft mit medizinischen Leistungen versorgt sind – wo halt wirtschaftliche Anreize für einträgliche ärztliche Tätigkeit schwächer sind oder gar gegen Null tendieren.

Berliner Kassenärzte hätten bundesweit die kleinsten Einkommen, las man. Es sei der Unwille, zunehmend Patienten ohne Vergütung zu behandeln, der dazu führt, dass Öffnungszeiten der Praxen verkürzt und somit Wartezeiten weiter verlängert werden.

Der neue Gesundheitsminister, Daniel Bahr, will durchgreifen. Wie?  Er droht mit Honorarkürzungen als Anreiz für kürzere Wartezeiten der Patienten. Dazu würden derzeit Vorschläge in der Koalition erarbeitet.
„Im Einzelfall als Ultima Ratio soll Betroffenen die ambulante Behandlung im Krankenhaus ermöglicht werden.“

„An manchen Tagen sind (in der Praxis des bayrischen Landarztes Fabian Geiger 130 Patienten zu versorgen“, berichtet die Zeitschrift „Hausarzt“ in einem aktuellen Sonderdruck, um die Situation der Beteiligten zu kennzeichnen, verantwortungsbewusste Problemlösungen anzumahnen, ein stückweit Verständnis für handelnde Personen in dieser Lage zu wecken.
https://www.hausarzt-patientenmagazin.de/magazin/kontakt.php

Übrigens ...
seit 2001 macht die Bertelsmann Stiftung halbjährliche Umfragen, in denen sich die Bevölkerung zu Erfahrungen mit dem deutschen Gesunheitswesen äußern, gesundheitspolitische Einstellungen vorbringen und „Veränderungsbedarf“ ansprechen kann.
www.gesundheitsmonitor.de

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